Einsatz, Teil 2: von Frankreich nach Deutschland
Operation Tarbrush, für deren Durchführung sowohl Hilton-Jones als auch Lane mit dem Military Cross ausgezeichnet wurden, war die letzte Zwischenstation auf dem Weg zur alliierten Landung in der Normandie und der Eröffnung einer – nach Italien – weiteren westalliierten Front gegen das Deutsche Reich. Die am Mittelmeerschauplatz gemachten Erfahrungen flossen dabei in die Planungen für die operative Verwendung des Trupps im Rahmen der Operation Neptune, der Landung der Alliierten in der Normandie, ein. Um die Fähigkeiten des Trupps – feindliche Soldaten sofort nach der Gefangennahme an vorderster Front zu verhören und auch in regionalen deutschen Dialekten mit ihnen zu kommunizieren sowie feindliche Dokumente unmittelbar und richtig zu interpretieren, ebenso wie Markierungen an Straßen und feindlichen Kraftfahrzeugen oder militärische Abkürzungen an Wegweisern – optimal zu nutzen, wurden seine Angehörigen erneut anderen Einheiten zur Verfügung gestellt. Insgesamt 40 Männer – nach anderen Darstellungen sollen 43 Soldaten sowie ein Offizier bzw. 45 Männer am D-Day dabei gewesen sein – wurden auf die zwei teilnehmenden Special Service Brigades mit ihren insgesamt acht Commandos gleichmäßig verteilt.
Der Einsatz in der Normandie an vorderster Front forderte jedoch seinen Blutzoll, im Trupp insgesamt wie auch unter den Österreichern. Die mit dem No. 47 (Royal Marine) Commando eingesetzten Max Laddy, der einst auf der Dunera nach Australien in die Internierung verschifft worden war und dessen Tochter einen Monat später in Aberdyfi geboren werden sollte, und Ernest Webster erreichten am 6. Juni 1944 nicht einmal den Strand und wurden noch im Landungsboot getötet. Der dem No. 45 (Royal Marine) Commando der No. 1 Special Service Brigade zugeteilte Richard Arlen alias Richard Abrahamowicz, ein jüdischer Sportlehrer und Boxer aus Wien und ebenfalls ein „Dunera Boy“, fiel einen Tag später bei Kampfhandlungen in Merville-Franceville-Plage, als er sich dem Feind mit einer weißen Flagge näherte, um ihn zur Kapitulation zu überreden.
Auch für den in Czernowitz geborenen und in Wien aufgewachsenen Eugene Fuller alias Eugen Kagerer-Stein, der ebenfalls dem No. 47 (Royal Marine) Commando zugewiesen worden war, endete der Einsatz tragisch. Als ein Draufgänger wie Richard Arlen soll er angeblich im Bug des Landungsbootes gestanden sein, „als ob er auf der Geisterbahn im Prater wäre“, und seine Kameraden mit Begeisterungsrufen angefeuert haben. So überzeichnet diese Darstellung wirken mag: Fuller war als Gebrauchtwagenhändler mit „Wiener Schmäh“, der schon vor dem „Anschluss“ aus beruflichen Gründen in England aufgehalten hatte, dann gleich dortgeblieben war und vor seiner Versetzung zum No. 3 Troop auch eine SOE-Ausbildung absolviert hatte, zweifellos nicht auf den Mund gefallen. Und er wusste seine kommunikativen Fähigkeiten im Gefecht einzusetzen, indem auch er die Bedienmannschaft eines feindlichen Geschützes etwa nicht mit der Waffe, sondern mit Worten „attackierte“ und sie tatsächlich zur Aufgabe überreden konnte. An dieser – in Variationen wiederholt vorkommenden – Episode zeigt sich, dass die Männer des No. 3 Troop weniger jüdische Rachenegel à la Inglourious Basterds waren, sondern aufgrund ihrer linguistischen Fähigkeiten sogar Leben retten konnten, nämlich sowohl auf alliierter wie auf deutscher Seite. Dass dafür aber auch eine Portion Glück nötig war und dieses Glück die Männer auch jederzeit wieder verlassen konnte, lässt sich ebenfalls am Schicksal von „Didi“, wie Fuller von seinen Kameraden genannt wurde, festmachen. Nachdem dieser zweimal hintereinander deutschen Soldaten in die Hände gefallen war, aber wieder hatte entkommen können, meldete er sich freiwillig für eine Aufklärungsmission, um amerikanische Bomber zu einem schweren deutschen Geschütz zu dirigieren und es so auszuschalten. Zu diesem Zweck versteckte er sich Fuller am 13. Juni 1944 mit einem Funkgerät in der Nähe des Ziels, gab die Koordinaten durch – und kam durch eine zu kurz abgeworfene US-Bombe um.
Einen fähigeren „Schutzengel“ hatten Peter Masters – er war mit der Fahrradtruppe des No. 6 Commando am Sword Beach gelandet und wurde später beim Versuch, ohne Deckung eine deutsche Stellung zur Kapitulation zu überreden, beschossen – und vor allem Peter Terry. Auch dieser war als Teil des No. 47 (Royal Marine) Commando mit Aufklärungsaufgaben, zwischenzeitlich im Team mit Fuller, betraut gewesen und hatte unter anderem beim Dorf La Rosière eine Gruppe von rund 20 feindlichen Soldaten in Gewahrsam genommen, die sich als Polen in deutscher Uniform herausstellten. Am Abend des 6. Juni musste sich seine Einheit nach heftigen Kämpfen mit deutschen Fallschirmjägern zurückziehen, wobei er am linken Bein angeschossen wurde und später sogar in einen Hinterhalt geriet. Terry drohte nun selbst die Gefangennahme, doch es gelang ihm, sich in einem Haus zu verstecken, wo die Bewohner sich um seine Wunde kümmerten. Am nächsten Tag konnte er die alliierten Linien erreichen und wurde trotz Protest nach England evakuiert, kehrte jedoch bereits nach kurzer Zeit wieder nach Frankreich und zum No. 47 (Royal Marine) Commando zurück – nur um bei Kämpfen bei Sallenelles am 23. Juli 1944 erneut verwundet zu werden, und dies wesentlich schwerwiegender als beim ersten Mal. Ein Projektil, wohl abgefeuert von einem britischen Soldaten, traf ihn unter der linken Schulter. Terry überlebte, der Einsatz war für ihn jedoch für immer vorbei. Er wurde als „medically unfit“ eingestuft und im Dezember 1944 aus der Armee entlassen.
Die Verluste, die der No. 3 Troop in der Normandie zu erleiden hatte, beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Mannschaftsränge. Hatte Hilton-Jones schon im Training von seinen Männern nur Dinge verlangt, die er selbst auch getan hatte, so war dies im Einsatz nicht anders. So infiltrierte am 12. Juni eine Gruppe des Trupps, darunter Peter Masters, unter seiner Führung den Ort Bréville, um so den Angriff auf das Dorf einzuleiten. Das Team bestand die Mission unbeschadet, doch drei Tage später wurde der Skipper beim Versuch, drei Angehörige der Résistance in das von den Deutschen noch heftig verteidigte Dorf Varaville zur Aufklärung einzuschleusen – erneut unter der Mithilfe von Masters –, durch einen Schuss in den Magen schwer verwundet und gefangengenommen. Es war wohl seiner ungeheuren Zähigkeit geschuldet, dass er so lange durchhielt, bis er in ein deutsches Lazarett gebracht und dort von einem Chirurgen behandelt wurde, der ihm damit vermutlich das Leben rettete. Wieder auf dem Weg zur Genesung, wurde er schließlich von britischen Truppen befreit, als diese das Lazarett im August 1944 überrannten.
Mit dem Einsatz im Rahmen der Operation Neptune bzw. der Operation Overlord hatte der No. 3 Troop seine Feuertaufe endgültig bestanden – und er sollte auch der verlustreichste Teil seiner Geschichte bleiben. Von den an der Landung in der Normandie teilnehmenden Angehörigen des Trupps wurden mehr als die Hälfte, nämlich 27, entweder getötet, verwundet oder gefangengenommen. Ein Detail am Rande: Vom ursprünglichen Kern der Einheit – jene acht Männer, die sich im Juli 1942 zusammengefunden hatten – war zwei Jahre später nur mehr einer (Latimer) voll dienstfähig und ein anderer als Lagerist tätig (Platt); der Rest war ebenfalls entweder tot (Bate und vermutlich Leonard), verwundet (Hilton-Jones) oder in Gefangenschaft (Lane, Rice, Smith). Trotz dieser eigentlich verheerenden Bilanz – oder vielleicht gerade deswegen, denn sie beweist die Opfer- und Leidensbereitschaft des Trupps – setzte dieser seine Arbeit fort, mit Unterstützung neuer Rekruten wie den Wienern Henry Roberts (Heinrich Riemer) und Bertram Stevens (Berthold Silberbusch), die im September 1944 dazustießen, und unter Führung des gebürtigen Deutschen und eben erst zum Lieutenant beförderten James Griffith (Kurt Glaser) als Ersatz für den rekonvaleszenten Hilton-Jones, der am D-Day noch die Offiziersschule besucht hatte. Weitere signifikante Stationen auf dem Weg zur Niederwerfung des Dritten Reiches nach dem Ausbruch aus dem normannischen Brückenkopf waren der Kampf um die niederländische und strategisch wichtige Halbinsel Walcheren Anfang November 1944, bei dem der Österreicher Robert Hamilton alias Salo Weich getötet wurde, oder nach dem Vorstoß auf deutsches Reichsgebiet die Überquerung ebenfalls strategisch signifikanter Flüsse wie Rhein, Weser, oder Aller.
An der Aller fiel Griffith noch wenige Woche vor Kriegsende einem deutschen Scharfschützen zum Opfer, an der Weser (nach anderen Quellen ebenfalls an der Aller) musste der aus Wien stammende Ian Harris alias Hans Hajos, der schon in der Normandie mehrfach verwundet worden war, am 6. April 1945 nach einer gewagten Aktion den Verlust eines Auges hinnehmen. Im Schreiben zur Military Medal, die er dafür erhielt, ist zu lesen: „[Corporal] Harris was always to the fore seeking to engage the enemy at close range with his Thompson Machine Carbine. […] The courage of this [non-commissioned officer] has seldom been surpassed”. Dies war bezeichnet für das Muster, nach dem der Trupp vorging und das von Beginn an stets dasselbe blieb: Die Einheit wurde aufgeteilt auf andere Commandos als Speerspitze des britischen Angriffs auf ein bestimmtes Ziel oder für Aufklärungsmissionen bei Tag und bei Nacht eingesetzt, seine Angehörigen fungierten weiterhin als Übersetzer und Befrager von Kriegsgefangenen unmittelbar im Auge des Gefechtorkans. So bezeugt eine Filmaufnahme der britischen Armee (ab Minute 1:56) eindrücklich, wie ein im Jeep sitzender und gut gelaunter Harris – noch vor der schweren Verwundung an der Weser – eine Kolonne deutscher Soldaten in die Kriegsgefangenschaft überführte, die er zuvor zur Aufgabe überredet hatte. Ebenfalls in Osnabrück im Einsatz war übrigens auch Kenneth Clarke alias Kurt Goldschläger, der allerdings nicht im No. 3 Troop, sondern mit einem der niederländischen Trupps des No. 10 (Inter-Allied) Commando diente. Dem begeisterten Schwimmer und Wasserballer, der vor dem „Anschluss“ sogar Mitglied der jeweiligen österreichischen Nationalmannschaften gewesen sein soll, gelang es dort Anfang April 1945, seine in der eigentlich wenig umkämpften Stadt in einen Hinterhalt geratene Einheit aus ihrer Bedrängnis zu befreien, indem er per Fahrrad Verstärkung und medizinische Versorgung organisierte, wofür er später eine Belobigung erhielt.
Das Kriegsende einen Monat später erlebten die Angehörigen des No. 3 Troop mit den Einheiten, denen sie zugeteilt waren, an verschiedenen Orten des nun besiegten Deutschlands oder auch in Italien. Das Hauptquartier mit drei Offizieren und 26 Mann befand sich am 8. Mai mit dem No. 10 (Inter-Allied) Commando im Hamburger Stadtteil Niendorf, blieb dort zunächst stationiert und war für die Militärregierung im Kreis Eutin in Schleswig-Holstein mitverantwortlich. Damit ging auch ein teils radikaler Wandel im Aufgabenbereich der einzelnen Soldaten einher – die bei den Commandos beliebte Tommy Gun wurde im Regelfall nicht mehr gebraucht. Für manche sollte der Armeedienst ohnehin bald enden, einige wurden in den Übersetzer-Pool der im August 1945 im Prinzip aus der 21st Army Group hervorgegangenen britischen Rheinarmee versetzt. Für andere stand die Suche nach Kriegsverbrechern oder eine Mitwirkung an der Denazifizierung auf dem Programm, etwa für Keith Douglas (Kurt Dungler) bei der sogenannten Disbandment Control Unit (DCU) oder für die erst im November 1944 zum Trupp gestoßenen Robert Kent (Robert Karpeles) und Charles Mackay (Karl Krumbein) bei der Field Security Section (FSS) des Intelligence Corps. Mit dem Commando Interrogation Team gab es eine eigene FSS-Einheit mit Hauptquartier in Hamburg, die sich offensichtlich ausschließlich aus Angehörigen des No. 3 Troop zusammensetzte – bei dem aber die Österreicher im Vergleich zu den Deutschen, möglicherweise aus geografischen Gründen, deutlich unterrepräsentiert waren. Von den 15 Männern, die etwa dem Commando Interrogation Team im Februar 1946 zugewiesen waren, kam Kent als einziger aus Österreich. Mit von der Partie war der Sudetendeutsche Latimer, dem damit die Ehre des einzigen durchgängig in operativer Funktion dienenden Mitglieds des No. 3 Troop von dessen Gründung im Juli 1942 bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zuteilwurde. Die Aufgaben des Teams bzw. der FSS-Teams 346, 347 und 348 – deren Genese aufgrund fehlender Aufzeichnungen etwas im Unklaren liegt, FSS-Team 346 scheint aber aus dem Combat Interrogation Team hervorgegangen zu sein – umfasste neben dem Screening von 250.000 deutschen Kriegsgefangenen vor deren Entlassung aus den Lagern Rheinberg und Wickrathberg oder die Suche nach Widerstandsgruppen gegen die alliierte Besatzung die Denazifizierung von Teilen der deutschen Industrie. Ziele dabei waren unter anderem der Benzol-Verband, das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat sowie die Zentrale des Stahlherstellers Krupp.
In die alte Heimat hingegen verschlug es Geoff Broadman, offensichtlich als einen der wenigen der Österreicher im No. 3 Troop. Der frühere Judoka und Nahkampfausbilder des Trupps kam zunächst möglicherweise in seine Geburtsstadt Wien – ohne an ihrer alten Adresse in der Josefinengasse im Zweiten Gemeindebezirk allerdings seine Eltern Emilie und Viktor anzutreffen, die die Nationalsozialisten im Oktober 1941 deportiert und umgebracht hatten. Spätestens ab Februar 1946 war er in Kärnten stationiert, wo er für die britische Militärregierung in Spittal an der Drau im Bereich „Public Safety“ und zudem als Skilehrer für das West Yorkshire Regiment bis Anfang der 1950er Jahre arbeitete. Er fuhr selbst auch Armeeskirennen und gewann diese oftmals, darunter das Inter Service Championship in St. Moritz in der Schweiz – seine offensichtliche Affinität zu Winter, Schnee und Kälte lässt den Gedanken, er könnte beim erwähnten misslungenen Commando-Angriff auf die Schwerwasserproduktionsanlage im norwegischen Vemork 1942 dabei gewesen sein, also gar nicht so abwegig erscheinen.
Zurück zum No. 10 (Inter-Allied) Commando: Dieses war bereits am 4. September 1945 aufgelöst worden – und damit war auch unter seinem „britischen“ Trupp, wohl eine der bemerkenswertesten Einheiten der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg, offiziell ein Schlussstrich gezogen worden. Natürlich aber waren die auf den vorangegangenen Seiten geschilderten Aktionen nicht die einzigen, an denen die Angehörigen des No. 3 Troop teilnahmen, und sie waren ganz gewiss nicht die einzigen Einsätze derartiger Natur der britischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Ähnliche Operationen fanden auch in Nordafrika, dem Nahen Osten sowie in Südostasien statt, durchgeführt von legendären Einheiten wie der Long Range Desert Group, dem Special Air Service oder dem Special Boat Service, aber auch von der weniger bekannten Special Investigation Group, der 21st sowie der 22nd Independent Parachute Company oder dem (beinahe) rein jüdischen No. 51 Middle East Commando. In ihren Reihen befanden sich ebenfalls Exilösterreicher – doch diese Geschichte soll an anderer Stelle erzählt werden.